Von Uwe Froschauer
Wenn Kinder fragen, geraten Erwachsene ins Stolpern
Kinder sind noch nicht vollständig von Narrativen, Ideologien und medialen Dauerbotschaften geprägt. Sie betrachten die Welt mit einer oft entwaffnenden Logik. Sie fragen nach, wenn etwas keinen Sinn ergibt. Sie akzeptieren Widersprüche nicht einfach deshalb, weil sie ständig wiederholt werden.
Der folgende fiktive Dialog zwischen einer zwölfjährigen Tochter und ihrem Vater ist keine historische Abhandlung und kein Anspruch auf die absolute Wahrheit. Er soll zeigen, wie einfach manche Dinge erscheinen, wenn man sie mit gesundem Menschenverstand betrachtet – und wie kompliziert sie werden, sobald politische Interessen, Propaganda und Angst ins Spiel kommen.
Kinder denken oftmals logischer als wir Erwachsenen.
„Papa, warum gibt es eigentlich Krieg in der Ukraine?“
„Darüber streiten die Menschen. Die einen sagen, Russland habe die Ukraine einfach überfallen. Andere sagen, der Krieg habe eine lange Vorgeschichte und sei ein Stellvertreterkrieg der USA und der NATO gegen Russland.“
„Und was glaubst du, Papa?“
„Ich glaube das Zweite. Und dafür gibt es aus meiner Sicht ziemlich viele historische Hinweise.“
„Welche denn?“
„Als der Kalte Krieg zu Ende war und die Sowjetunion zerfiel, gab es plötzlich keinen großen Feind mehr. Aber manche mächtige Leute brauchen immer einen Feind.“
„Warum denn?“
„Weil sich mit Angst und Feindbildern viel Geld verdienen lässt. Wenn die Menschen Angst haben, kaufen Staaten mehr Waffen, geben mehr Geld fürs Militär aus und akzeptieren Dinge, die sie sonst vielleicht nicht akzeptieren würden.
Wenn es keinen großen Feind gibt, ist es viel schwerer zu begründen, warum immer mehr Geld für Waffen und Militär ausgegeben werden soll. Ein Feindbild schafft Angst – und Angst schafft Zustimmung für Aufrüstung.“
„Und daran verdienen dann manche Leute?“
„Genau. Deshalb hat der amerikanische Präsident Dwight Eisenhower schon 1961 vor dem sogenannten militärisch-industriellen Komplex gewarnt.“
„Was ist das denn für ein kompliziertes Wort?“
„Das sind große Rüstungsfirmen, einflussreiche Politiker und andere mächtige Gruppen, die davon profitieren, wenn immer mehr Geld in Waffen und Aufrüstung fließt.“
„Also verdienen manche Leute an der Angst?“
„Ja, das tun sie. Mit der Angst vor dem Krieg und mit dem Krieg selbst“
„Und was hat das mit der NATO zu tun?“
„1990 hatte die NATO 16 Mitgliedstaaten. Nach dem Ende des Kalten Krieges rückte sie immer weiter nach Osten Richtung Russland und nahm immer mehr Länder auf. Heute gehören 32 Staaten zur NATO. Russland sah und sieht das als Bedrohung seiner Sicherheit.“
Aber die NATO ist doch nur ein Verteidigungsbündnis, oder?“
„So wird sie meistens dargestellt. In meinen Augen haben die USA die NATO in den vergangenen Jahrzehnten immer stärker als ihr wichtigstes militärisches Werkzeug genutzt, um ihren politischen und strategischen Einfluss weltweit zu sichern und auszubauen. Die USA sind eine imperialistische Nation. Die NATO ist immer stärker zu einem Angriffsbündnis geworden, dessen sich die USA bedient haben. Die europäischen Staaten sind dabei oft mitgegangen, auch wenn ihre eigenen Interessen nicht immer dieselben waren wie die der USA.“
„Aber warum machen die anderen Länder da überhaupt mit?“
„Das fragen sich viele Menschen. Manche europäische Regierungen – besonders die deutsche – legen oft großen Wert darauf, ein gutes Verhältnis zu den USA zu haben, selbst dann, wenn die eigenen Interessen oder die Interessen der eigenen Bürger darunter leiden.“
„Das klingt irgendwie, als würde einer immer machen, was der andere sagt.“
Der Vater lächelt.
„Manche nennen das Vasallentum.“
„Was ist ein Vasall?“
„Früher war das jemand, der einem mächtigen Herrscher die Treue geschworen hat und sich nach ihm richten musste. Einige europäische Regierungen verhalten sich gegenüber den USA oftmals ähnlich.“
„Aber sind Deutschland und die USA nicht Freunde?“
„Menschen können Freunde sein. Staaten haben in erster Linie Interessen.“
„Also gar keine Freunde?“
„Es kann gute Beziehungen, Vertrauen und enge Zusammenarbeit geben. Aber in der Politik gilt meistens: Wenn die Interessen auseinandergehen, hört die Freundschaft schnell auf.“
„Und macht Deutschland das auch so?“
Der Vater schüttelt den Kopf.
„Meiner Meinung nach viel zu selten. Ich habe oft den Eindruck, dass deutsche Regierungen den Wünschen der USA selbst dann folgen, wenn das den eigenen Interessen schadet.“
„Warum machen die das?“
„Das müsstest du die Politiker fragen. Ich finde, Deutschland verhält sich gegenüber den USA häufig sehr unterwürfig – teilweise sogar unterwürfiger als viele andere Verbündete der Amerikaner.“
„Auch wenn es für Deutschland schlecht ist?“
„Ja, diesen Eindruck habe ich. Gerade in der Energiepolitik oder bei manchen außenpolitischen Entscheidungen habe ich oft das Gefühl, dass die guten Beziehungen zu den USA für manche Politiker wichtiger sind als die Frage, ob eine Entscheidung den eigenen Bürgern nützt.“
„Aber eine deutsche Regierung sollte doch zuerst an Deutschland denken.“
„Das würden viele Menschen unterschreiben.“
„Und wenn meine Freundin etwas von mir will, das mir schadet, dann sage ich doch auch mal Nein.“
Der Vater lächelt.
„Das ist in persönlichen Beziehungen ein ziemlich vernünftiger Grundsatz.“
„Dann müsste das für Länder doch eigentlich auch gelten.“
„Nach meiner Auffassung ja. Gute Partner können unterschiedlicher Meinung sein und auch einmal Nein sagen. Wer niemals Nein sagt, wirkt irgendwann nicht mehr wie ein gleichberechtigter Partner, sondern eher wie ein Gefolgsmann.“
Die Tochter überlegt kurz.
„Dann sind Freundschaft und Unterwürfigkeit wohl nicht dasselbe.“
„Nein, ganz bestimmt nicht.“
„Aber Papa, das klingt irgendwie traurig, dass Nationen nicht miteinander befreundet sein können.“
„Vielleicht. Aber wenn man internationale Politik verstehen will, muss man das im Kopf behalten. Staaten handeln in der Regel nicht aus Freundschaft, sondern weil sie sich davon einen Vorteil versprechen.“
„Und wenn die deutsche Regierung nicht zuerst an Deutschland und seine Bürger denkt, was passiert dann?“
„Dann werden die Bürger irgendwann unzufrieden und verlieren das Vertrauen in die Politik. Manchmal führt es auch zu Revolutionen oder Bürgerkriegen.“
„Okay, nochmals zurück zur NATO. Also ist die NATO für die Amerikaner so etwas wie ein großer Arm, mit dem sie auch weit weg von zu Hause Politik machen können, sehe ich das richtig?“
„Ja, so sehe auch ich die amerikanische Außenpolitik.“
„Und Russland fand das gar nicht gut?“
„Nein. Russland hat immer wieder gesagt, dass es die NATO-Ausdehnung als Gefahr für die eigene Sicherheit betrachtet.“
„Das ist so, als würde jemand immer näher an mein Zimmer heranrücken, obwohl ich ihm gesagt habe, dass ich das nicht möchte.“
„Genau. Wenn dir jemand immer näherkommt, obwohl du ihm sagst, dass du das nicht willst, fühlst du dich irgendwann bedroht.“
„Und irgendwann reagiert der andere.“
„So ist es. Ob diese Reaktion richtig oder falsch ist, darüber kann man streiten. Aber man sollte zumindest versuchen zu verstehen, warum sie erfolgt ist.
Der Vater denkt kurz nach.
„Jetzt stell dir einmal etwas vor: Kanada oder Mexiko würden plötzlich Raketen aufstellen, die direkt auf die USA gerichtet sind. Was glaubst du, würde passieren?“
Die Tochter überlegt keine Sekunde.
„Das würden die Amerikaner niemals zulassen!“
„Warum glaubst du das?“
„Weil die dann Angst hätten, dass sie angegriffen werden könnten.“
„Genau. Und was würden die USA wahrscheinlich tun?“
„Sie würden verlangen, dass die Raketen wieder wegkommen.“
„Und wenn das nicht passiert?“
„Dann würden sie bestimmt sehr, sehr wütend werden.“
Der Vater nickt.
„Davon kann man ausgehen. Die USA haben schon in der Vergangenheit sehr empfindlich reagiert, wenn sie ihre Sicherheit bedroht sahen.“
„Dann ist das doch eigentlich normal, dass ein Land keine feindlichen Raketen direkt vor seiner Haustür haben will.“
„Selbstverständlich.“
„Aber warum versteht man das dann bei Russland nicht?“
„Das ist eine gute Frage. Russland hat immer wieder gesagt, dass es die weitere Annäherung der NATO und mögliche Waffensysteme in der Ukraine als Bedrohung seiner Sicherheit ansieht.“
„Dann misst man doch mit zweierlei Maß.“
„Ja, und das werfe ich dem sogenannten Wertewesten vor!“
„Also: Wenn die USA sich bedroht fühlen, dann ist das verständlich. Aber wenn Russland sich bedroht fühlt, dann soll das plötzlich keine Rolle spielen?“
„Ja, so erzählen es die westlichen Regierungen und die großen Medien ihren Bürgern. Sie stellen die Dinge oft so dar, dass viele Menschen am Ende glauben, Russland dürfe keine Sicherheitsinteressen haben, die USA aber schon. Und weil dieselben Botschaften ständig wiederholt werden, übernehmen viele diese Sichtweise, ohne sie noch zu hinterfragen.“
Die Tochter runzelt die Stirn.
„Das klingt aber doch irgendwie unfair.“
„Internationale Politik ist leider oft nicht besonders fair.“
„Aber wenn man verstehen will, warum etwas passiert, dann muss man doch versuchen, die Sicht von beiden Seiten zu verstehen.“
Der Vater lächelt.
„Und genau das machen leider viel zu wenige.“
„Dann ist diese Geschichte von den Guten und den Bösen vielleicht einfach zu einfach.“
„Genau. Und dort beginnt oft die Propaganda: Wenn man einen komplizierten Konflikt auf eine einfache Erzählung reduziert – hier die Guten, dort die Bösen.“
„Dann war das alles vielleicht doch nicht so klar, wie es im Fernsehen oft klingt.“
„Nein. Die Welt ist meistens komplizierter als die Geschichte vom guten Helden und vom bösen Schurken. Gerade deshalb sollte man vorsichtig werden, wenn einem jemand einen Krieg wie ein Märchen erzählt.“
„Also ist Russland oder Putin gar nicht böse. Aber im Fernsehen klingt das oft so, als wäre Putin an allem schuld.“
„Das nennt man Personalisierung. Dann wird ein komplizierter Konflikt auf eine einzige Person reduziert. Es heißt dann: Wenn es Putin nicht gäbe, gäbe es keinen Krieg.“
„Und das stimmt nicht?“
„Definitiv nicht! So einfach ist die Welt nicht. Hinter Kriegen stehen meistens viele Ursachen: Geschichte, Machtinteressen, Sicherheitsfragen, wirtschaftliche Interessen und politische Fehler auf mehreren Seiten.“
„Warum machen die das dann?“
„Weil es einfacher ist. Es ist viel leichter, den Menschen zu sagen: ‚Da drüben sitzt der Bösewicht, und der ist an allem schuld.‘ Dann muss man sich nicht mehr mit den komplizierten Hintergründen beschäftigen.“
„Deshalb nennen manche Putin einen Verbrecher?“
„Ja. Viele Politiker und Medien sprechen über ihn, als sei er die Verkörperung des Bösen. Ihm wird oft jede nachvollziehbare Motivation abgesprochen. Man tut manchmal so, als hätte er keine Sicherheitsinteressen, keine politischen Gründe und keine Ängste, sondern wolle einfach nur Krieg.“
„Aber kein normaler Mensch will doch Krieg.“
„Das ist genau der Punkt. Wenn man jemanden nur noch als Monster darstellt, dann hört man auf zu fragen, warum er handelt, wie er handelt.“
„Dann ist er in den Augen der Leute gar kein richtiger Mensch mehr?“
„Genau das nennt man Entmenschlichung. Wenn ein Gegner nur noch als böser Schurke dargestellt wird, fällt es leichter, ihn zu hassen und jede Möglichkeit von Gesprächen oder Verhandlungen abzulehnen.“
„Aber wenn man Frieden haben will, muss man doch auch mit dem reden, den man nicht mag.“
Der Vater lächelt.
„Das ist ein sehr kluger Gedanke. Frieden schließt man weniger mit Freunden. Frieden schließt man insbesondere mit Gegnern.“
„Dann ist es vielleicht gar nicht so schlau, jemanden nur noch als das absolut Böse darzustellen.“
„Nein. Denn wer nur noch an das Böse auf der anderen Seite glaubt, hört irgendwann auf, nach Lösungen zu suchen.“
„Hm….Aber kämpfen die Ukrainer nicht für unsere Demokratie? Das sagen doch die Nachrichten.“
„Die Nachrichten sagen vieles. Die Frage ist, ob sie Dinge auch kritisch hinterfragen. Eigentlich sollten Medien die Mächtigen kontrollieren und den Menschen verschiedene Sichtweisen zeigen, damit sie sich selbst eine Meinung bilden können. Ich habe aber inzwischen den Eindruck, dass große Medien die Politik lediglich begleiten und unterstützen, statt sie kritisch zu hinterfragen.“
„Also können Nachrichten auch einseitig sein?“
„Ja, natürlich. Deshalb sollte man nie nur eine Quelle lesen oder schauen.“
„Und kämpfen die Ukrainer jetzt für unsere Demokratie oder nicht?“
„Dafür müsste die Ukraine erst einmal selbst eine funktionierende Demokratie sein. Das sehe ich kritisch. Das Land hat seit Jahren große Probleme mit Korruption. Es gab Parteienverbote, Einschränkungen und Verfolgung der Opposition und der regierungskritischen Medien. Außerdem gibt es dort den Bandera-Kult und ultranationalistische Strömungen wie das Asow-Regiment. Deshalb ist die Sache komplizierter, als sie oft dargestellt wird.“
„Was ist denn der Bandera-Kult?“
„Stepan Bandera war ein ukrainischer Nationalist. Für manche Menschen in der Ukraine ist er ein Freiheitskämpfer, weil er für die Unabhängigkeit der Ukraine gekämpft hat. Andere sehen ihn sehr kritisch, weil er und Teile seiner Bewegung mit den deutschen Nationalsozialisten zusammenarbeiteten und Mitglieder seiner Organisation an Verbrechen gegen Polen und Juden beteiligt waren.“
„Und warum verehrt man so jemanden?“
„Weil Geschichte oft unterschiedlich erzählt wird. Manche schauen nur auf die eine Seite und andere auf die andere. Aber wenn jemand mitverantwortlich für schwere Verbrechen war oder diese zumindest in Kauf genommen hat, sollte man ihn nicht unkritisch zum Helden machen.“
„Und was ist das Asow-Regiment?“
„Das Asow-Regiment entstand ursprünglich als Freiwilligenbataillon und wurde später in die ukrainische Nationalgarde integriert. Es wird immer wieder zu Recht kritisiert, weil einige seiner früheren und heutigen Mitglieder und Symbole mit rechtsextremen und neonazistischen Ideologien in Verbindung stehen.“
„Also gibt es in der Ukraine wirklich Neonazis?“
„Ja. So wie es leider in vielen Ländern rechtsextreme Gruppen gibt, auch in Deutschland oder Russland. Der Unterschied ist, dass die Rolle solcher Gruppen in der Ukraine oft nur am Rande erwähnt oder heruntergespielt wird, und dass in der Ukraine auch Menschen mit faschistischem Gedankengut in oberen politischen Kreisen sitzen.“
„Dann ist die Geschichte von der perfekten Demokratie also nicht ganz richtig?“
„In meinen Augen absolut nicht. Die Ukraine ist meines Erachtens alles andere als ein demokratischer Staat. Zumindest sind die politischen ukrainischen Verhältnisse wesentlich problematischer, vielschichtiger und komplizierter, als viele Nachrichten es darstellen.“
„Warum erzählen die das dann oft so einfach?“
„Weil einfache Geschichten leichter zu verkaufen sind. Die Guten hier, die Bösen dort – das versteht jeder sofort. Die Wirklichkeit ist meistens komplizierter.“
„Dann ist die Geschichte von den Guten und den Bösen vielleicht wieder zu einfach.“
„Genau. In der Politik sind einfache Geschichten oft die beliebtesten – und meistens auch die unvollständigsten. Sie werden dann gerne mit Halbwahrheiten und manchmal auch mit Lügen gespickt, damit die Menschen in eine bestimmte Richtung denken.“
„Wie nennt man das?“
„Propaganda.“
„Propaganda?“
„Ja. Das bedeutet, dass man Informationen so auswählt oder darstellt, dass die Menschen etwas Bestimmtes glauben oder tun sollen.“
„Das ist doch Manipulation!“
„Ja, das kann es sein. Und Propaganda ist nichts Neues. Vor dem Ersten und Zweiten Weltkrieg haben Regierungen und Medien in vielen Ländern versucht, die Menschen auf Krieg einzustimmen.“
„Aber warum? Die meisten Menschen wollen doch gar keinen Krieg.“
„Eben deshalb. Wenn die Menschen keinen Krieg wollen, muss man sie erst davon überzeugen, dass der Krieg notwendig ist.“
„Aber das ist doch widersinnig! Und wie macht man das?“
„Indem man ihnen erzählt, dass die anderen besonders böse und gefährlich sind. Im Ersten Weltkrieg wurden die Deutschen in der britischen Propaganda oft als barbarische ‚Hunnen‘ dargestellt. Im Zweiten Weltkrieg und auch in anderen Kriegen wurden Feindbilder aufgebaut, damit die Menschen bereit waren, Opfer zu bringen und den Krieg zu unterstützen.“
„Und das glauben die Leute einfach?“
„Wenn etwas oft genug wiederholt wird und gleichzeitig Angst erzeugt wird, glauben es irgendwann viele Menschen.“
„Auch wenn es gar nicht stimmt?“
„Ja. Die sogenannte Brutkastenlüge vor dem ersten Irakkrieg ist ein berühmtes Beispiel dafür, wie eine emotional erzählte Geschichte die Zustimmung zu einem Krieg beeinflussen kann.“
„Ja, davon habe ich schon gehört. Aber das ist doch gemein!“
„Und warum findest du das gemein?“
„Weil die Menschen vielleicht gar nicht in den Krieg wollen, aber durch Angst und solche Geschichten doch dafür sind.“
„Genau deshalb ist Propaganda so mächtig und in meinen Augen widerlich.“
„Aber das darf man doch nicht machen! Man kann doch nicht Menschen Angst machen und sie in einen Krieg hineinreden!“
„Ich stimme dir da zu 100 Prozent zu! Die Kriegstreiberei einiger europäischer Spitzenpolitiker in Europa, insbesondere in Großbritannien, Frankreich und Deutschland ist unverantwortlich und in meinen Augen hoch kriminell.
„Und am Ende sterben Menschen, weil andere ihnen vorher erzählt haben, wer die Guten und wer die Bösen sind?“
Der Vater nickt.
„Leider ist das in der Geschichte schon öfter passiert.“
Die Tochter schaut ihn eine Weile schweigend an.
„Dann sollte man vielleicht immer vorsichtig sein, wenn einem jemand erzählt, dass nur die anderen böse sind.“
Der Vater lächelt.
„Das ist eine sehr kluge Regel. Wer einen Krieg will, braucht fast immer zuerst ein Feindbild.“
„Und ist Deutschland eine richtige Demokratie?“
„Auf dem Papier ja. Aber ich habe das Gefühl, dass ich nur alle paar Jahre mein Kreuz auf dem Wahlzettel machen darf und danach die Politik oft das Gegenteil von Wahlversprechen umsetzt. Deshalb fühlen sich viele Bürger kaum mehr vertreten.“
„Nochmal eine Frage zum Stellvertreterkrieg der USA gegen Russland, Papa. Warum haben die Amerikaner denn etwas gegen Russland?“
„Die Amerikaner nicht. Millionen normale Amerikaner wollen genauso Frieden wie wir. Es geht eher um Machtinteressen bestimmter Eliten, geopolitische Strategien und wirtschaftliche Interessen.“
„Und warum machen die Menschen nichts dagegen?“
„Weil ihnen ständig erzählt wird, wer der Gute und wer der Böse ist. Wenn man etwas oft genug wiederholt, glauben es irgendwann viele Menschen, wie ich dir vorhin schon kurz erläutert habe. Man mischt Wahrheiten mit Halbwahrheiten und manchmal auch mit Lügen. Man erzeugt Angst und wiederholt dieselben Botschaften immer wieder. Irgendwann halten viele Menschen das dann für die Realität.“
„Aber doch nicht alle?“
„Nein. Zum Glück nicht.“
„Warum geht es Deutschland denn gerade so schlecht? Hat das auch was mit dem Ukrainekrieg zu tun?“
„Ja, aber es gibt viele Gründe. Einer davon sind die hohen Energiepreise. Früher bekam Deutschland günstiges Gas aus Russland. Heute kaufen wir viel teureres Flüssiggas aus anderen Ländern, die teilweise wesentlich weiter entfernt sind als Russland.“
„Warum macht man das?“
„Weil die Europäische Union und andere westliche Staaten nach dem Beginn des Krieges Sanktionen gegen Russland verhängt haben.“
„Was sind Sanktionen?“
„Das sind wirtschaftliche Strafmaßnahmen. Man versucht, einem anderen Land wirtschaftlich zu schaden, damit es sein Verhalten ändert.“
„Und hat das funktioniert?“
Der Vater zuckt mit den Schultern.
„Russland hat wirtschaftliche Probleme bekommen, aber es hat viele seiner Rohstoffe einfach in andere Länder verkauft, zum Beispiel nach Asien.“
„Und wir?“
„Wir haben auf günstige Energie verzichtet und zahlen heute deutlich höhere Preise. Viele Unternehmen und viele Bürger spüren das jeden Tag.“
„Dann haben wir uns ja selbst bestraft.“
Der Vater lächelt.
„Ja, so ist es. Die EU hat sich mit ihren Sanktionen stärker geschadet als Russland.“
„Das ist doch irgendwie komisch.“
„Warum?“
„Wenn ich meinem Nachbarn schaden will und mir dabei selbst mehr wehtue als ihm, dann ist das doch keine besonders gute Idee.“
„Das ist ein ziemlich einfacher und nachvollziehbarer Gedanke.“
„Aber Russland braucht Europa doch dann gar nicht unbedingt?“
„Zumindest nicht in dem Maße wie früher. Russland verkauft sein Öl und Gas inzwischen stärker an andere Länder. Die Welt ist groß.“
„Dann haben wir uns billige Energie selbst weggenommen?“
„So kann man es formulieren.“
„Aber Papa, ich verstehe nicht, warum man etwas teurer einkauft als es sein muss. Warum bezieht Deutschland seine Energie teilweise aus fernen Ländern? Wenn ich in München-Nord wohne und der Laden nebenan verkauft etwas billig, dann fahre ich doch nicht quer durch die ganze Stadt und kaufe es dreimal so teuer.“
Der Vater lacht.
„Genau so denken Kinder, und sie haben absolut recht! Aber es sind nicht alle Staaten der EU so doof wie Deutschland. Manche Länder beziehen große Teile ihres Energiebedarfs noch aus Russland.
Hm….und warum wollen jetzt alle plötzlich kriegstüchtig werden?“
„Weil man den Menschen erzählt, Russland wolle Europa angreifen.“
„Will Russland das?“
„Ich halte das für einen ausgemachten Blödsinn. Russland hat das größte Land der Erde und genug eigene Probleme. Aber mit der Angst vor einem Krieg lassen sich hohe Rüstungsausgaben und Aufrüstung viel leichter begründen.“
„Warum glaubst du nicht, dass Russland Europa angreifen will?“
„Schau mal: Russland hat mehr als 60.000 Kilometer Land- und Seegrenzen. Allein die zu sichern, ist schon eine riesige Aufgabe. Außerdem ist Russland flächenmäßig mehr als 30-mal größer als Deutschland.“
„Dann haben die doch schon genug Platz.“
„Eben. Russland hat riesige Agrarflächen, enorme Rohstoffvorkommen und fast alles, was ein Land braucht.“
„Was wollen die dann bei uns? Unsere Äcker? Unsere Häuser?“
Der Vater lacht.
„Das frage ich mich auch.“
Die Tochter lächelt verschmitzt.
„Oder wollen sie vielleicht unsere Schulden übernehmen?“
„Wohl kaum.“
„Dann ergibt das irgendwie keinen Sinn.“
„Das ist einer der Gründe, warum ich die Behauptung eines geplanten russischen Angriffs auf Europa für wenig überzeugend halte.“
„Aber warum sagen Politiker das dann?“
„Sie sagen, wir müssten uns vorbereiten und wieder stärker aufrüsten.“
„Und warum gerade jetzt?“
„Zum Beispiel hat Verteidigungsminister Boris Pistorius mehrfach gesagt, Deutschland müsse bis 2029 kriegstüchtig oder verteidigungsfähig werden.“
„Warum gerade bis 2029?“
„Das musst du ihn fragen. Er sagt, bis dahin müsse Europa besser vorbereitet sein, falls Russland gefährlich werden sollte.“
Die Tochter runzelt die Stirn.
„Aber Papa, wenn Putin wirklich so böse ist und Europa angreifen will und das schon könnte – warum sollte er dann bis 2029 warten?“
Der Vater lächelt.
„Das ist eine berechtigte Frage.“
„Das wäre doch ziemlich dumm von ihm. Dann würden wir ja in der Zwischenzeit stärker werden.“
„Gut erkannt Töchterchen.“
„Wenn jemand wirklich angreifen will und schon stark genug ist, dann wartet er doch nicht höflich, bis die anderen besser vorbereitet sind.“
„Ja, das wäre und ist absolut unlogisch.“
„Und wenn Putin so ein böser Dämon sein soll, wie manche behaupten, dann wäre es doch erst recht komisch, dass er so fair und geduldig wartet.“
„Du stellst gute Fragen.“
„Ich verstehe nur nicht, warum Erwachsene solche Fragen nicht stellen.“
Der Vater schweigt kurz.
„Vielleicht, weil Angst manchmal stärker ist als Logik.“
„Dann sollte man vielleicht weniger Angst haben und mehr nachdenken.“
„Das wäre für den Weltfrieden und für jede Demokratie ein guter Anfang.“
„Und woher kommt das ganze Geld für die vermutlich unnötige Kriegstüchtigkeit?“
„Zum Teil durch neue Schulden.“
„Du meinst diese Sondervermögen?“
„Genau.“
„Warum heißen Schulden dann Sondervermögen? Das klingt doch wie Geld, das man hat.“
„Das fragen sich viele Erwachsene auch.“
„Und wer bezahlt die Schulden?“
„Du. Und deine Kinder irgendwann.“
„Das ist aber unfair.“
„Ja. Die Menschen, die heute die Schulden machen, werden sie zum großen Teil nicht mehr zurückzahlen müssen.“
Die Tochter schweigt kurz.
Dann fragt sie:
„Papa, warum glauben Erwachsene eigentlich so viele komische Sachen?“
Der Vater denkt nach.
„Vielleicht, weil sie Angst haben. Vielleicht, weil sie beschäftigt sind. Vielleicht, weil es einfacher ist, ein Feindbild zu haben, als komplizierte Zusammenhänge zu verstehen.“
„Dann ist Erwachsensein manchmal gar nicht so schlau.“
Der Vater lächelt.
„Manchmal nicht.“
„Und was hältst du von Putin, Papa?“
„Ich halte nicht viel von der Vorstellung, dass Politiker Heilige oder Teufel sind. Putin macht Fehler, wie andere Politiker auch. Aber ich glaube nicht an das Märchen vom absolut Bösen und absolut Guten. In der Politik gibt es meistens Interessen, Macht und Propaganda.“
„Magst du ihn?“
„Ich kenne ihn nicht persönlich. Aber wenn du mich fragst, mit wem ich mir eher vorstellen könnte, einmal ein Bier zu trinken, dann wahrscheinlich eher mit Putin als mit unserem Bundeskanzler Friedrich Merz.“
„Echt? Warum denn?“
„Weil ich den Eindruck habe, dass Putin – bei allen Fehlern, die man ihm vorwerfen kann – stärker die Interessen seines Landes im Blick hat als viele unserer Politiker die Interessen unseres Landes.“
„Und warum glaubst du das bei unseren Politikern nicht?“
„Weil einige von ihnen – wie zum Beispiel Friedrich Merz – eher die Interessen großer Konzerne, Finanzkreise oder anderer Staaten vertreten, statt zuerst an die eigenen Bürger zu denken.“
„Das ist doch eigentlich ihr Job, oder?“
„Ja. Eine Regierung sollte in erster Linie dem eigenen Land und seinen Menschen dienen.“
„Und deshalb ärgert es dich, wenn Politiker immer nur sagen, Putin sei böse?“
„Ja. Ich finde es anmaßend, wenn europäische Politiker, die selbst viele politische Fehler gemacht haben, einen anderen Politiker nur noch dämonisieren und so tun, als läge alles Böse dieser Welt in einer einzigen Person.“
„Also findest du nicht, dass Putin ein Engel ist?“
Der Vater lacht.
„Nein, ganz bestimmt nicht.“
„Aber auch kein Teufel?“
„Genau. Er ist ein Politiker mit Stärken und Schwächen, mit Interessen und Fehlern – wie viele andere Staatschefs auch.“
„Dann sollte man vielleicht vorsichtig sein, wenn jemand sagt, einer allein sei an allem schuld.“
„Das ist ein kluger Gedanke. Denn sobald man glaubt, die Welt bestehe nur aus Engeln und Dämonen, hört man meistens auf, selbst nachzudenken.“
Die Tochter nickt.
„Irgendwie ist die Welt ganz schön verrückt.“
Der Vater schaut aus dem Fenster.
„Ja. Und vielleicht brauchen wir manchmal die einfachen Fragen von Kindern, damit wir wieder anfangen, selbst zu denken.“
Kindermund tut Wahrheit kund.
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zwei Bücher „Die großen Lügen“ (Themen: Corona, Ukraine, Klima, Sicherheit; Genre politisches Sachbuch) und „Reise zum höheren Selbst“ (Genre Ratgeber) nehme ich gerade in Angriff und sollen demnächst veröffentlicht werden. Als Basis für diese Bücher werden bestehende, diesbezügliche Artikel von mir herangezogen.
Wenn Sie in einem dem Genre entsprechenden Verlag arbeiten – oder eine entsprechende Person in einem infrage kommenden Verlag kennen, der eines meiner beiden Bücher veröffentlichen könnte, wäre ich Ihnen für Ihre Hilfe sehr dankbar.
Ende März und Anfang April 2025 wurden meine beiden Bücher
„Die Friedensuntüchtigen“ und „Im Taumel des Niedergangs“ veröffentlicht.
Rezension zu diesem Buch: https://www.manova.news/artikel/abwarts
Rezension zu diesem Buch: https://wassersaege.com/blogbeitraege/buchrezension-die-friedensuntuechtigen-von-uwe-froschauer/
Ende September 2024 erschien das Buch „Gefährliche Nullen – Kriegstreiber und Elitenvertreter“.
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