
Wehmütiges von Werner Roth
„Wer sich noch an die 80er erinnern kann, der hat sie nicht erlebt.“ Um diesen, in westlichen Gefilden, leidlich populären Spruch über das Jahrzehnt des Höhepunkts der westlichen Macht und Dekadenz wirklich zu verstehen, sollte man um 1960 herum geboren worden sein.
Denn als Kern-Boomer konnte man die 80er in seiner individuellen Blütezeit erfahren, im Alter zwischen Volljährigkeit und Mitte dreißig. Das ist der Lebensabschnitt, in dem wir Menschen auf dem Höhepunkt der körperlichen und geistigen Leistungsfähigkeit sind. Die Spitzenleistungen in Sport, Wissenschaft, Kunst und Kultur mögen hier als Beleg dienen. Jung war schon immer auch wild. „Feiern, Saufen, Kiffen, Vögeln. Wos ma hoid so mocht, wemma jung is.“
Klar lebten auch jüngere und ältere Menschenwesen in diesem Jahrzehnt, doch deren Rezeption war eben aus einer ganz anderen Perspektive. Der Blick auf die Welt und die Wahrnehmung unterliegen nun mal auch altersspezifischen Gegebenheiten. Im Hinblick auf das „Party-Jahrzehnt“ gilt dies darüber hinaus noch strikt abgegrenzt durch die Mauer. Nein, nicht die Brandmauer, die mit dem Schießbefehl.
Das Jahrzehnt begann unmerklich und als reine Fortschreibung des Bisherigen und endete spektakulär im Finale furioso des Mauerfalls mit einem Massenglücksrausch sondergleichen. „Das gibt’s nur einmal. Das kommt nicht wieder. Das ist zu schön, um wahr zu sein. …“. Nein, nix Nazi, das Lied ist von 1931 mit jüdischem Odeur …
Der Kater folgte auf den Fuß und gebar die Verklärung der Vergangenheit. Die „Ostalgie“ zeigte sich schnell trotzig gegenüber den Invasoren aus Glücksrittern, Spekulanten und Beutelschneider, wohingegen die „Westalgie“ erst heutzutage massiv aufflammt. Der Psychologe Stephan Grünwald erklärt dieses Phänomen als Sehnsucht nach der Bonner Republik, die für viele Westdeutsche „das verlorene Auenland, eine Insel des kleinen Wohlstands und der Stabilität“ gewesen ist.
Nix gibt’s ohne sein Gegenteil.
Der Zeitgeist im „Imperium der Lügen“ der 80er wurde zunehmend stärker bestimmt von Ambiguität. Einerseits herrschte eine Leichtigkeit, eine Unbeschwertheit und Beschwingtheit beim Großteil der Westler, wie wohl noch nie zuvor in einer Gesellschaft. Anderseits war da dieses ungewisse Gespür für das Morbide, das den Odem des Untergangs in sich trug. Irgendwo dazwischen wurschtelte ein Kabarett umanand, mit zwei „t“, das Satire massentauglich machte.
In Musik und Mode, also der Jugendkultur, gab es einen letzten kreativen Aufschwung. Wiewohl der Ideenreichtum in vielen Feldern einen Höchstwert erreichte. Dazu kam der Eindruck, all die Fortschritte in Technik und Gesellschaft vereinen sich auf magische Weise zu einer alles überstrahlenden Zukunft in Wohlstand und Wohlgefallen.
Den Gegenpol bildete die explosiv wachsende Gemeinde des „schwarzen Blocks“, der schwarz gekleideten, düster blickenden und Depri-Sound konsumierenden „New Waver“, Gothics und ähnlichem „Gesocks“. Die feierten aber trotzdem mit am ausgelassensten den Tanz auf dem Vulkan, oder gerade weil ein mulmiges Gefühl hochkochte. Motto: „Die fetten Jahre sind bald vorbei.“
Was macht gerade diesen Zeitabschnitt zu etwas besonderem?
Kein Ereignis, kein Phänomen, keine Entwicklung geschieht isoliert nur für sich. In der Nachkriegszeit sprossen im Wirtschaftswunderwesten die ersten Triebe des neuen Zeitgeists und so manches entwickelte sich gar prächtig. „Wei, ois hängt mit oim zsamm!“
Die Jugendkultur war so ein Phänomen. Die Jugend wurde zwar schon immer gefeiert, aber nie so zum anbetungswürdigen Zustand verklärt, wie nach dem großen Krieg. Die „Weisheit“ der „alten weißen Männer“ schien doch soeben die schlimmste Katastrophe der Zivilisation nicht verhindert, sondern noch eher angeschoben zu haben und „die Jugend“ hatte einen Schuldigen. Das ging weit über die üblichen Generationenkonflikte hinaus.
Es geschah verdammt viel durch und nach dem Krieg mit der politischen Plattentektonik, während die Dinge im Erdmantel der Geschichte weiter ihren Gang gingen. Die Oberflächentektonik wird zwar durch den Untergrund wesentlich beeinflusst, umgekehrt gilt das kaum.
Kein Lebensbereich blieb verschont vom Willen zur Veränderung.
Gerade in der Politik wurde vieles in Frage gestellt. Alte Autoritäten wurden vom Sockel gestürzt. Neues installiert. Das galt für die ganze Welt. Man denke an die Ent-Kolonialisierung, die Etablierung eines kommunistischen Ost-Blocks, die rebellischen Jugendbewegungen im Westen.
Wissenschaft und Technik schienen den Himmel auf Erden zu verheißen. In den 60ern träumte man sogar von atomgetriebenen Staubsaugern und ähnlichem Kokolores. Nehmen Sie die Sci-Fi-TV-Serien wie das legendäre Raumschiff Enterprise mit Spock, Pille und Captain Kirk. Diese Utopie-Vorstellung teilte praktisch die ganze Weltbevölkerung, wie der globale Erfolg bis heute aufzeigt.
Mit Beginn der 70er wurde das Jahr 2000 als ultimativer Startpunkt einer paradiesischen Zivilisation herbeiphantasiert, mit einer maximal 3-Stunden-Arbeitswoche, fliegenden Autos und Schönheit und Glück für jede und jeden. Die totale sexuelle Freiheit mit bislang unerreichbarer Lustbefriedigung selbstverständlich inkludiert. Quasi ein ewiger Orgasmus. „Do koost mi gean hamm. I wui mai Ruah. Soi de Chakren schlackern lassn wea wui…“
Eine alte Weisheit: „Wenn du wissen willst, wer dich beherrscht, finde heraus, wen du nicht kritisieren darfst.“
Die Altvorderen in der Antike hatten sich auch schon echauffiert über die verdorbene, aufmüpfige und ungehorsame Jugend, doch nun, mit Sex, Drugs & Rock’n Roll, schien die Quertreiberei der Nachwachsenden Grenzen im Verhalten zu sprengen, die die Zivilisation insgesamt beschädigten.
Wenn zu viele ihren Verhaltenskodex an den Vorbildern der Rockstars ausrichten, also einer grenzenlosen Freiheit ohne Rücksichtnahme oder gar Demut, dann ist das Tor der Hybris sperrangelweit offen. Diese damalige „haute volée“ wurde auch als „Jet Set“ bezeichnet. James Bond, Gunter Sachs, Rockstars und andere waren die Rollenikonen dieser „abgehobenen“ Klasse. Sie gaben die Vorhut für unsere heutige Gesellschaft voller Selbstdarsteller und Selfie-Video-„Stars“.
Den Boden endgültig bereitet für die letzte große Demolition-Party in den 1980ern haben dann die Punks zum Ende der 70er. „No Future!“ krakeelte es durch die Gassen und verschreckte das Establishment und „die Braven“ zutiefst. Wenn wir als Gesellschaft so weitermachen, dann war‘s das. So der Sinn der Parole. Ironischerweise kam das nicht vom großen Vorlagengeber USA, sondern aus „good ol‘ England“, das seine geistig-moralisch-zivilisatorische Kaputtheit im Outfit und der Attitüde der Punks widergespiegelt sah.
Denn spätestens nach WK II läuft alles ab unter der „Amerikanisierung“ der Welt, was die Entwurzelung der Menschen zur Folge hatte und hat. Das ist das gewaltigste Unheil, das in der neueren Geschichte geschehen ist, wobei die Gehirnwaschsystematik in seiner Subtilität überwiegend unsichtbar bleibt. Die bis Ende der 80er hinter der Mauer Lebenden blieben davon weitgehend verschont und haben, gut zu erkennen, bis heute eine deutlich andere Sicht auf die Welt.
Das (Unter)Bewusstsein ist das Schlachtfeld.
„Der Fokus lag insbesondere auf der jungen „Babyboomer“-Generation, die die intensivste und umfassendste Konditionierung aller Generationen in der Geschichte erdulden musste.“ So formuliert das Alex Krauss präzise und treffend. Ziel war die Indoktrinierung der Bevölkerungen mit dem bis heute wiedergekäuten Mantra im Westen: Wir sind „die Guten™“!
Von wegen Freiheit. Wer oder was ist denn in den USA wann frei? Da ist jedermann so eingezwängt in teilweise abstruse Konventionen, dass das der Selbstbeschreibung des „Land of the free“ nur noch Hohn spottet. Nicht nur die nicht-reichen Nicht-Weißen können davon ein Lied singen.
Auch bei den (noch) wohlhabenden WASPs, den White Anglo-Saxon Protestants, wird die Art des Sakkos schon zum Distinktionsmerkmal erster Güte. „Keep up with the Joneses“ ist da das Leitmotiv für alle, dicht gefolgt von „That’s the law“ für Ausflüchte jeder Art.
Die gesamte US-Gesellschaft ist in allem so dermaßen tiefgehend militarisiert und/oder kriminalisiert im Denken und Verhalten, dass das zum Nationalcharakter wurde. Schon die Manie alles in Abkürzungen zu pressen ist Army-Denk in Potenz. Das unkritische Nachplappern jeder noch so hohlen Anweisung von oben. Der Zinnober um alles mit Orden und Bling-Bling. Eine in Beton gegossene ultra-strenge Hierarchie, die bis in die letzte Faser verinnerlicht ist. „That’s America“.
„It’s the economy, stupid!“
Die Entwicklung in den für die Weltläufte wesentlichen Feldern, verläuft in einer asymptotischen Grenznutzenlinie, die in den 80ern überall stark abflachte. Diese ist kennzeichnend für alle relevanten Bereiche. Ob politisch, wirtschaftlich, technologisch, naturwissenschaftlich, kulturell, ideologisch, moralisch, und und und.
Aber besonders der materiellen Produktivität näherte sich die asymptotische Grenznutzenlinie unabwendbar weiter ans Limit heran. Dadurch rückte der Finanzsektor in den Focus. Hier konnte man phantastische immaterielle Gewinne erzielen. Bekanntlich sind der Phantasie ja keine Grenzen gesetzt.
Fast im Gleichklang mit den Börsenkursen ging hingegen die Kurve des Wahnsinns und der Blödheit, exponentiell seit dem Mauerfall, nach oben. Zunächst noch überschaubar und dann mit Corona in die Endphase.
Wie und ob sich das in Wohlgefallen auflöst? Es dürfte noch spannend werden, das zu erleben.
Glauben Sie vornehmlich an das, was man nicht glauben darf.
Den ganzen heutigen Irrsinn gab‘s schon mal entspannt und locker vor gut 40 Jahren. Gerade in der Jugendkultur. Die Schickimicki-Gesellschaft mit ihrem exaltierten Hedonismus war da mal wieder ganz vorne dabei beim Zeitgeist („Kir Royal“, P1, Parkcafe).
Das was wir jetzt alle erleben dürfen, ist eine vollkommen aus dem Ruder gelaufene, seichte, geschmack- und humorlose, dümmliche Wiederauflage des 80er-Jahre-Lifestyles mit seiner Schrillheit und Überdrehtheit. Eine Verballhornung ohne Esprit, Witz und jeglicher Selbst-Ironie im offenkundigen Niedergang der Macht des „Imperium der Lügen“. Da bleibt aus Selbstschutz nur, spöttisch drüber zu lachen.
Auch wer, wie, auf wen, warum scharf ist, ging und geht den Veteranen der 80er – Verzeihung, der flache Witz muss jetzt sein – am Arsch vorbei. Diese exorbitante Emporhebung der geschlechtlichen Lustbefriedung zur genehmen Selbstdarstellung in „diesem unserem Land“ finden viele bloß noch zum Übergeben abartig.
Wer sich hier an die wunderbar ent- und überspannten 80er erinnern kann, dem wird da ganz wehmütig… Klingt blöd, aber es muss trotzdem raus: So Einige haben diesen Untergang schon damals vorausgesehen. No Future!
Die westliche Welt lebt weiter in ihrer Fantasiekonstruktion – bis sie gewaltsam daraus vertrieben wird.
Politisch wurden die Weichen neu gestellt durch Kohls „geistig-moralische Wende“, Thatchers Plattmachen der britischen Industrie und Reagans Star-Wars-Spinnereien, die im Doppelpack mit der Wortkreation vom „Reich des Bösen“ und dem Zu-Tode-Rüsten, dem ewigen Russen endgültig den Garaus machen sollten.
Wirtschaftlich begann der neue Kurs hin zur Glorifizierung der Finanzbranche („Master oft the Universe“) unter dem Feuerschutz Hollywoods („Wall Street“) richtig Fahrt aufzunehmen. „Greed is good“ („Gier ist gut“), wurde zum neuen Mantra.
Die technische Entwicklung ermöglichte (für Westler) günstiges Reisen rund um den ganzen Globus. „Lonely Planet“ und die Rucksack-Traveller tauchten auf. Sie waren die Vorhut des Massentourismus bis in die hintersten Ecken der Welt.
Die IT-Branche mit ihren Zeichen der Zeit, dem PC, drängte immer mehr ins Bild. Dennoch ist ein ganz bestimmendes Momentum für die 80er, dass es der letzte Zeitraum ohne Internet und ohne Handy war. Inwiefern dies das vorherrschende Lebensgefühl beförderte, bleibt spekulativ.
Wohlstand bedeutet nicht Wohlbefinden.
Das www kam erst in den 90ern. Diese Computerrevolution durch das Internetz hat der Menschheit allerdings Abermillionen unabhängiger Stimmen beschert, die, nach James Corbett, „in den letzten 30 Jahren mehr dazu beigetragen haben, das Bewusstsein für die Realität von Verschwörungen zu schärfen, als in den vorangegangenen 30 Jahrhunderten der Menschheitsgeschichte.“
Irrsinnigerweise, so James Corbett weiter, treiben sich mehr und mehr Leute im Cyberspace rum, „die ihren Computer nutzen, um einen Kommentar zu hinterlassen, in dem sie anderen predigen, dass sie keine Computer benutzen sollten!“
Natürlich gäbe es noch unendlich viel mehr über diese außergewöhnliche Zeit zu erwähnen. Doch wer sie erlebt hat und seinen Verstand noch nicht abgegeben hat, der kann viel erzählen. „Oiso, redn mit de Oidn vu friha.“
So, jetzt ist Ende.
Brauchen wir Weltuntergangsberater? Gibt es schon einen Markt dafür? Dazu ein Lenin zugesprochene Zitat zur Erinnerung: „Eine revolutionäre Situation gibt es dann, wenn die oben nicht mehr können und die unten nicht mehr wollen.“
Tiefgründig darf Stefan Zweig abschließen: „In der Stunde der Barbarei ist das Denken die letzte Zuflucht des Menschlichen.“
Mehr von Werner Roth finden Sie hier: https://www.anderweltonline.com/satire/
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https://www.anderweltonline.com/satire/satire-2026/die-80er-ein-jahrzehnt-zum-vergessen
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Rezension zu diesem Buch: https://www.manova.news/artikel/abwarts
Rezension zu diesem Buch: https://wassersaege.com/blogbeitraege/buchrezension-die-friedensuntuechtigen-von-uwe-froschauer/
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Hier der Link zur Rezension des Buches:
https://www.manova.news/artikel/die-nieten-festnageln
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