05. Juli 2026, von Albrecht Künstle
Sind Kapitalrenten wirklich besser als ihr Ruf?
Der durchschnittliche Reichtum der Bürger eines Landes ist ein Indiz dafür, wie es diesen auch im Alter geht. Entgegen widergekäuter Meinungen in den Qualitätsmedien gehört Deutschland nicht mehr zu den reichen Top Ten der reichen Nationen. Die Infrastruktur verfällt, die Deindustrialisierung nimmt Fahrt auf und sichere Arbeitsplätze gehören der Vergangenheit an. Eine Bevölkerungsgruppe merkt den Niedergang aber schon länger: die Alten, bei denen sich Altersarmut breit macht. Das Rentenniveau wurde von früheren Regierungen heruntergefahren, und ein Ende der Abwärtsspirale ist nicht abzusehen. In früheren Veröffentlichungen zeigte ich die durchaus gegebene Leistungsfähigkeit des umlagefinanzierten Rentensystems auf; damit scheine ich einer der Wenigen zu sein. Der Mainstream fährt auf die kapitalgedeckte Rente ab, und auch die Politik verfällt den Versprechen goldener Zeiten der Finanzwirtschaft und deren Lockruf.
So wurde nun beschlossen, die Rentenversicherungsbeiträge um 2 Prozent zu erhöhen und diese am Kapitalmarkt anzulegen. Wäre die Politik wirklich von der Zukunft der Finanzmärkte überzeugt – warum wurde dann nicht beschlossen, etwa gleich ein Drittel des jetzigen Beitragssatzes künftig am Kapitalmarkt anzulegen, also 6,2 Prozent der künftigen Beiträge an diesen abzuzweigen? Traut man etwa der eigenen Courage nicht? Zugestanden: Die Renditen sind – derzeit (!) jedenfalls – beeindruckend hoch. Was auch meine Fonds abwerfen, ist ein gutes Zubrot zu meiner ohnehin nicht kleinen Rente.
Langfristig sind wir alle tot…
Ich erlebte aber auch schon das Gegenteil: In den 1990er Jahren gab es einen rezessionsbedingten Rückgang der Aktienmärkte, 1997 herrschte die Asienkrise, 1998 die russische Finanzkrise, 2000-2002 dann platzte die Dotcom-Blase, 2007-2009 war dann die globale Finanzkrise, ausgelöst von der US-Immobilienkrise, 2010-2012 folgte die europäische Staatsschuldenkrise, 2015-2016 war Krise wegen China und den Rohstoffpreisen, 2020 gab es den Covid-19-Börsencrash und 2022 war „Bärenmarkt“ angesagt wegen steigenden Zinsen und hoher Inflation. All diese Baissen und Crashs bereiteten mir einige schlechte Nächte. Dennoch: Langfristig scheint die Sonne über den Kapitalmärkten. Aber langfristig sind wir auch alle tot.
Der Begriff „Kapitalmarkt“ ist ein Chamäleon und so unkalkulierbar wie die Berliner Politik. Am Sonntag rief mich mein Lektor an und riet mir, den ARD „Presseclub“ einzuschalten, wo es um die Rentenpolitik ging. Ich tat es leider verspätet, bekam aber noch eine denkwürdige Passage mit, in der ein journalistischer Fürsprecher der kapitalgedeckten Renten äußerte, natürlich sollten die Beitragsgelder weniger in Deutschland angelegt werden, sondern in den prosperierenden Regionen des Globus. Deutschland sei da aus dem Rennen. Klar: Wenn die aufgrund politischer Fehlentscheidungen in die Krise geratene Wirtschaft den Bach runtergeht, folgen dem auch die Kapitalrenditen in Deutschland (eine Ausnahme sind deutsche Rüstungsaktien, die geradezu explodieren).
Internationale Fonds mit breiterer Diversifikation
Welche Aktien und Fonds performen nun besser: Deutsche oder internationale? Kurz gesagt: Internationale Aktien und Fonds haben sich langfristig meist besser entwickelt als rein deutsche. Das liegt vor allem daran, dass sie breiter diversifiziert sind und Zugang zu den größten und wachstumsstärksten Unternehmen der Welt bieten. Dies zeigt ein Blick auf die wichtigsten Indizes; so gilt der DAX zwar als solide, aber oft unterdurchschnittlich gegenüber dem Weltmarkt. Der MSCI World hingegen offenbart historisch eine sehr starke und breite Diversifikation, und auch der FTSE All-World ist ähnlich stark, enthält aber zusätzlich noch Werte aus Schwellenländern. Ebenfalls sehr breit gestreut sind internationale Fonds und ETFs, die oft bessere langfristige Rendite bieten, abhängig von den jeweiligen Assets.
Internationale Anlagen schneiden, wie gesagt, deshalb häufig besser ab, weil sie eine größere Diversifikation bieten. Statt nur etwa 40 große deutsche Unternehmen umfasst ein Weltindex Hunderte bis Tausende Unternehmen aus vielen Ländern. Darunter sind auch mehr Wachstumsunternehmen; die größten Technologieunternehmen stammen überwiegend aus den Vereinigten Staaten und haben in den vergangenen Jahren einen erheblichen Teil der Rendite beigetragen. Die breite Aufstellung bedeutet generell ein geringeres Länderrisiko: Wenn die deutsche Wirtschaft schwächelt, können andere Regionen dies ausgleichen.
Über lange Zeiträume gesehen erzielten globale Aktienindizes wie der MSCI World im Durchschnitt etwa 8–10 Prozent Rendite pro Jahr – vor Kosten, je nach Zeitraum; der DAX lag hier langfristig zwar ebenfalls im positiven Bereich, blieb aber in vielen Zeitabschnitten deutlich hinter den globalen Indizes zurück. Die jeweilige Überlegenheit hängt jedoch stark vom betrachteten Start- und Endzeitpunkt ab: Wenn der Anlagehorizont 10 Jahre oder länger beträgt, sind breit gestreute internationale Aktienfonds oder ETFs für viele Anleger eine attraktivere Basis. Deutsche Aktien können als Ergänzung dienen, sollten aber unter Risikoabsicherungs- und Diversifikationsaspekten besser nur einen kleineren Anteil des Portfolios ausmachen, empfehlen Kenner.
Mach mehr Kapitalabfluss ins Ausland
Was lehrt uns das? Wenn die Aktuare und Fondsverwalter eine bessere Rendite erzielen wollen, als sie ihnen die gesetzliche Rentenversicherung bietet, müssen sie somit klammheimlich Kapitalflucht aus Deutschland betreiben. Nach der Flucht der Wirtschaft aus Deutschland (die Gründe sind hinlänglich bekannt) wird die kapitalgedeckte Rente also zusätzlich zu einer erweiterten Kapitalflucht führen. Wollen wir das sehenden Auges riskieren? Oder gibt es etwa gar keine Kapitalflucht aus Deutschland? Ökonomen sprechen beschönigend eher von “Standortproblemen”, “Investitionsverlagerungen” oder einer “schwächeren Wettbewerbsfähigkeit”. Kapitalflucht im engeren volkswirtschaftlichen Sinn gebe es noch nicht, beschwichtigen sie. Fakt aber ist, dass deutsche Unternehmen seit Jahren erhebliche Summen im Ausland investieren – und die Gründe hier sind unter anderem größere Absatzmärkte, Diversifizierung und Standortfaktoren wie Energiepreise, Bürokratie, Steuern und Fachkräftemangel. Mehrere Umfragen und Statistiken zeigen, dass Deutschland in den vergangenen Jahren für neue ausländische Investitionsprojekte an Attraktivität verloren hat.
Umgekehrt sind Investitionsprojekte aus dem Ausland rückläufig, mit einer Ausnahme: 2025 floss erstmals seit vielen Jahren unter dem Strich wieder mehr Direktinvestitionskapital nach Deutschland als ins Ausland. Doch 2026 zogen etliche ausländische Investoren geplante Großprojekte – teils trotz gewährter Subventionen – wieder zurück, während deutsche Unternehmen immer mehr Produktion ins Ausland verlagern; zunehmend übrigens auch immer mehr mittelständische Unternehmen. Nicht zu vergessen sind auch die vielen hochqualifizierten Fachkräfte und Wissenschaftler, die auswandern und ihr Vermögen einfach mitnehmen. Wenn die staatliche Kapitalrente kommt, wird diese ökonomische durch eine monetäre Kapitalflucht ergänzt, was sich in der Kapitalverkehrsbilanz niederschlagen wird. Diese ist ein Teil der Zahlungsbilanz eines Landes und erfasst alle grenzüberschreitenden Kapitalbewegungen, also Zu- und Abflüsse von Vermögen zwischen dem Inland und dem Ausland. Dazu gehören die oben beschriebenen Direktinvestitionen, wenn also etwa ein Unternehmen eine Fabrik im Ausland kauft oder neu errichtet.
Weltweites Hütchenspiel
Hinzu kommen künftig noch mehr Wertpapieranlagen – also der Kauf und Verkauf von Aktien oder Anleihen im Ausland. Der Posten „Wertpapieranlagen und Finanzderivate“ machte 2025 bereits zusammen einen Saldo von 90 Milliarden Euro aus, die in ausländische Gesellschaften flossen. Das ist das Achtfache des Volumens der Direktinvestitionen von 11,4 Milliarden Euro! Dass der Abfluss der Kapitalverkehrsbilanz insgesamt sogar 263 Milliarden Euro betrug, ist insbesondere dem “übrigen Kapitalverkehr“ von überschüssigen 160,7 Milliarden Euro geschuldet: Kredite, Bankeinlagen, TARGET-Salden sowie Finanz- und Handelskredite. Dem BlackRock-Kanzler Merz war die kapitalgedeckte Rente ja immer eine Herzensangelegenheit, dürfte doch sein früherer Arbeitgeber von diesem zusätzlichen Kapitalexport aus Deutschland profitieren.
Merz selbst ist ja (formal zumindest) raus aus diesem Geschäft; doch wer entscheidet also über die Anlage von Sozialversicherungsbeiträgen für künftige Rentenrenditen – und wie könnte man dieses weltweite Hütchenspiel vermeiden? Etwa in deutsche Rüstungsaktien investieren!? Wäre das unmoralisch? Pistorius und Konsorten würden wohl sagen „Geld stinkt nicht“ – schließlich nimmt die Rentenversicherung ja auch hohe Rentenversicherungsbeiträge der zunehmend mehr und besser bezahlten Beschäftigten in Rüstungsfirmen ein. Damit schließt sich der Kreis: Sowohl die umlagefinanzierten als auch die kapitalgedeckten Renten müssen bestritten werden aus dem, was aktuell und künftig erwirtschaftet wird. Die reale Wertschöpfung entscheidet darüber, ob und wieviel verteilt werden kann. Geld alleine arbeitet nicht; es ist alleine der sogenannte „Mehrwert“, den produktive Menschen zu schaffen in der Lage sind. Berufspolitiker und andere Umverteiler gehören explizit nicht dazu.
Der Artikel ist zuerst hier https://ansage.org/sind-kapitalrenten-wirklich-besser-als-ihr-ruf/ erschienen
Wenn Ihnen der Beitrag gefallen hat, bitte wieder teilen. Danke dafür. Ihnen eine angenehme Zeit.
Noch ein privates Anliegen, werte Leserinnen, werte Leser,
in diesem Blog, den ich alleine ohne jede finanzielle Unterstützung betreibe, steckt mein Herzblut. Ich möchte meine diesbezügliche – meines Erachtens nutzbringende – Aktivität keinesfalls einschränken. Der Zeitaufwand hierfür reduziert jedoch meine Möglichkeiten für den Broterwerb. Für eine Spende wäre ich Ihnen sehr dankbar.
Spendenkonto:
Uwe Froschauer
IBAN: DE41 7015 0000 1008 3626 40
BIC: SSKMDEMMXXX
Wenn Sie bei der Überweisung im Vermerk „Spende“ eingeben, wäre das sehr hilfreich für eine korrekte Zuordnung.
Vielen Dank!
Herzlichen Dank auch für bereits eingegangene Spenden.
Mein Buch „Eine Reise zum Selbst“ wurde am 2.Juli 2026 veröffentlicht.
https://www.amazon.de/dp/B0H761YF9H/ref=sr_1_2?__mk_de_DE=

Die Texte dieses Buches laden dazu ein, gewohnte Denk- und Handlungsmuster zu hinterfragen, ohne neue Dogmen zu schaffen. Sie verbinden Erkenntnisse aus Philosophie, Spiritualität, Psychologie und Lebenserfahrung zu einer verständlichen und lebensnahen Reflexion über das Menschsein.
Themen wie Selbstreflexion, die Kraft des gegenwärtigen Augenblicks, Geben und Empfangen, Dankbarkeit, Liebe, Toleranz, persönliches Wachstum und der Umgang mit den Herausforderungen des Lebens bilden die Wegmarken dieser Reise.
Ende März und Anfang April 2025 wurden meine beiden Bücher
„Die Friedensuntüchtigen“ und „Im Taumel des Niedergangs“ veröffentlicht.
Rezension zu diesem Buch: https://www.manova.news/artikel/abwarts
Rezension zu diesem Buch: https://wassersaege.com/blogbeitraege/buchrezension-die-friedensuntuechtigen-von-uwe-froschauer/
Ende September 2024 erschien das Buch „Gefährliche Nullen – Kriegstreiber und Elitenvertreter“.
Meine Artikel können gerne für andere Blogs oder sonstige Kommunikationsplattformen verwendet werden, soweit Inhalte nicht verändert werden, die Quelle zitiert und der Spendenaufruf beibehalten wird.
Wissen ist frei – auch wenn das manche eliteinstruierte Politiker und Journalisten anders sehen.