19. Januar 2026
Gastbeitrag von Maria Schneider
Ende der 1960er Jahre geboren, wuchs ich mit den allgegenwärtigen englischen Hits im Radio auf, die in Personalunion mit Coca-Cola und Hamburgern Westdeutschland mit einer klebrigen Schicht überzogen hatten. Erst in den letzten zehn Jahren bemerkte ich, dass all die Lieder, die ich so gern in meiner Jugend gehört hatte, ihren Reiz verloren hatten. Seltsam. Man fragt sich, wie man überhaupt je so etwas Simples, Oberflächliches hat hören wollen.
Nun ist es Abend und ich habe meinen Garten gepflegt. Weil mein werbefreier Sender irgendwie verschwunden ist, schalte ich widerwillig einen Radiosender ein und höre „The River“ (1980) von Bruce Springsteen – ein Liebeslied über eine leidenschaftliche Nacht von zwei Jugendlichen an einem Fluß. Doch die Jugendliebe wird schwanger und der Ernst des Lebens fängt für den jungen Mann viel zu früh an.
Die alltägliche Geschichte über verlorene Träume berührt mich – es ist tatsächlich eines der wenigen Lieder aus jener Zeit, die ich noch gern höre. Und so gehe in mich und erinnere mich an weitere Werke, die mir noch heute gefallen, etwa „Bridge over troubled water“ (1970) von Simon and Garfunkel, das mir noch heute Tränen in die Augen treibt. Oder „Bohemian rhapsody“ – ein wahres Meisterwerk von Queen und dem Sänger Freddy Mercury. Ich war in London, als er 1991 als einer der ersten Stars an AIDS verstarb. Noch heute trauere ich, weil dieses Genie – übrigens war er wie seine persischen Eltern zoroastrischen Glaubens – so früh von uns ging.
Das Erhabene ist Teil wahrer Musik
Es gibt noch weitere bewegende Werke wie „Music was my first love“ (1976) von John Miles, „Stairway to heaven“ (1970) von Led Zeppelin, „Thank you for the music“ (1994) von ABBA oder bombastische Werke, die sich langsam aufbauten, wie „You took the words right out of my mouth“ (1977) von Meatloaf. Nicht zu vergessen Joe Cocker und „Summer in the city“ (1994).
Die Sänger in diesen Musikgruppen waren meist Virtuosen an ihren Instrumenten, beeindruckten wie Mercury mit ihrer faszinierenden Stimme oder hatten eine starke, elektrisierende Ausstrahlung. Die Texte waren tiefsinnig, handelten von Liebe zwischen Mann und Frau oder zur Musik. Selbst vor religiösen Themen, wie bei Leonhard Cohen, wurde nicht zurückgeschreckt. Mein Lieblingssänger war lange Cat Stevens. Als mir Mitte zwanzig wie Tausenden anderen Fans bewußt wurde, wie strenggläubig er nach seiner Konvertierung zum Islam geworden war, waren mir seine Lieder vergällt und ich hörte sie nicht mehr.
Alle obigen Sänger zeichnete aus, dass sie zu ihrem Mannsein standen und so schöne Lieder schufen, dass sie bis heute die Menschen bewegen. Wahrlich, ich spüre beim Anhören dieser Lieder, wie meine Zellen aufwachen und sich an dieser Musik erfreuen.
Da ich in Süddeutschland aufgewachsen bin, wurden auch die Lieder österreichischer Liedermacher im bayrischen Radio gespielt. Ich liebte „Schifoan“ (1967) von Wolfgang Ambros. Zu diesem Lied tanzte und grölte unsere Pfadfindergruppe jedes Mal wie verrückt mit. Nicht fehlen durfte bei unseren Partys „Resi, i hol‘ di mit mei’m Traktor ab“ (1986) von Wolfgang Fierek oder „Skandal im Sperrbezirk“ von der Spider Murphy Gang, die allerdings aus München war.
Ich hörte immer wieder gern „Weus’d a Herz hast wia a Bergwerk“ (1983) von Reinhard Fendrich oder fast alle Lieder von S.T.S., etwa „Irgendwann bleib i dann dort“ (1985). Die Mundart, mit der man als Säugling aufwächst, sitzt tief und solche Lieder gehen geradewegs ins Stammhirn, wo unser Ursprung sitzt.
Da Juchitzer
Und dann wäre da noch Huber von Goisern in seiner Lederhose, verschwitzt mit 3-Tage-Bart, hochgekrempelten Ärmeln und Lederhosenträgern auf der Bühne, wie er mit Zabine in schlichter, weißer Bluse „Du bist so weit weit weg von mir“ singt. Doch das absolute Meisterwerk, bei dem selbst Freddy Mercury verblaßt, ist „Da Juchizter“ (1994). Der Juchizter beginnt mit Zabines Jodelsolo, das ab dem ersten Ton durch Mark und Bein geht und jeden Menschen mit Herz unvermittelt aufbricht, erschüttert und fassungslos in Tränen zurückläßt. Danach gräbt sich Huberts Solo auf seiner Trompete noch tiefer in die Seele ein, bis schließlich Zabine und Hubert im Duett mit hemmungslosem, leidenschaftlichen Jodeln die letzten Verkrustungen wegsprengen und die Zuhörer weich, ganz weich zurücklassen.
Musik ist Heimat
Das ist Heimat – zumindest im Süden Deutschlands. Einem solchen Werk, einer solchen Hingabe an die Musik steht man wehrlos gegenüber. Der Jodelklang erweckt das Alte, was seit jeher schon war – Generationen an Menschen, die aus der Tiefe ihrer Seele den Klang hochsteigen ließen und aus schierer Lebensfreude durch gewaltige Täler schmetterten. Das rührt an und weckt Erinnerungen an unseren Urgrund – wo wir herkommen, wer wir sind und was wir erschaffen können. Unser Urwesen ist noch da. Jedoch schlummert es – begraben, verschüttet unter den 80 Jahren Lagen an Rock, Jazz, HipHop, Techno und Rap und sonstigem Lärmmüll, der dem Vergleich mit unserer Muttersprache und der Musik, die unserer Landschaft entsteigt, nicht im geringsten standhalten kann.
Wagner und Mahler
Für Opernliebhaber haben Wagner und andere Komponisten eine ähnliche Wirkung – nur leider ist die Klassik für mich persönlich eher selten ein Schlüssel zu meiner Herkunft. Ich erinnere mich noch lebhaft an unseren jüngsten Besuch in der Oper, wo Gustav Mahlers 2. Sinfonie„Auferstehung“ mit Chor und Solistin gegeben wurde. Neben mir saß eine – ich kann es nicht anders sagen – hochnäsige Schickse der höhren Gesellschaft, die verächtlich ihr 60-jähriges Näschen über die Proleten rümpfte, die an falschen Stellen klatschten und auch mich als zu laut lachende Person lediglich mit einem abschätzigen Blick musterte. Im 4. Satz dann erklang die honigsüße Stimme der Solistin, die das tiefsinnige Lied „Urlicht“ vortrug – auch hier keinerlei Scheu vor dem Erhabenen, dem Göttlichen, wie dies heute nahezu überall bei der entchristlichten, atheistischen deutschen Bevölkerung der Fall ist:
„O Röschen rot,
Der Mensch liegt in größter Not,
Der Mensch liegt in größter Pein,
Je lieber möcht‘ ich im Himmel sein.
Da kam ich auf einen breiten Weg,
Da kam ein Engelein und wollt‘ mich abweisen.
Ach nein, ich ließ mich nicht abweisen!
Ich bin von Gott und will wieder zu Gott,
Der liebe Gott wird mir ein Lichtchen geben,
Wird leuchten mir bis in das ewig selig‘ Leben!“
Trotz großer Offenheit fand ich keinen Zugang zum Lied. Die hochnäsige Dame neben mir war jedoch so ergriffen, dass sie minutenlang vor Schluchzen geschüttelt wurde. Jeder braucht seinen Schlüssel.
Manche Lieder halten ihre Kraft über Jahrhunderte hinweg. Mich fasziniert immer wieder, wie gregorianische Choräle, die ein längst vergessener Mensch vor 500 Jahren verfaßt hat, durch unsere Stimmen wieder zum Leben erweckt werden können. Es ist ein Wunder – die Zeit verschwindet.
Mein Lieblingsweihnachtslied „Maria durch ein Dornwald ging“ werde ich – im Gegensatz zu früheren Radiohits – nie müde zu hören. Das ist das Besondere an Liedern, die das Herz berühren. „Stille Nacht, heilige Nacht“ schwingt so hoch, dass es in der ganzen Welt gesungen wird. Das ist die Macht der Musik.
Mit welchen Klängen wollen wir leben?
Geben wir acht, mit welchem Klang wir uns umgeben. Wollen wir wirklich jeden Tag mit Techno, harten Beats und vulgärem Rap belästigt werden? Wie wirkt sich diese brutaleske Musik auf uns und unsere Kinder aus? Wir wissen es, denn wir müssen nur in die Gesichter der Menschen blicken. Selten ist noch ein Antlitz von dem Zauber erfüllt, der bei Zabine beim Juchizter zu sehen war. Kaum noch sieht man Menschen, die sich so in sich versunken der Trompete hingeben wie Hubert von Goisern.
Viele der angeführten Sänger sind inzwischen tot, haben sich zurückgezogen oder sich so sehr verändert, dass ich sie nicht mehr hören mag. Nicht vergessen darf ich Udo Jürgens. Als Jugendliche konnte ich gar nicht genug von „Ich wünsch Dir Liebe ohne Leiden“ bekommen, das er mit seiner Tochter Jenny sang. Visionär war sein Lied „Der gläserne Mensch“ (2014), in dem er bei seinem letzten Konzert vor dem Verlust unserer Freiheit und totalitärer Überwachung warnte.
Wir haben immer die Wahl. Wir können entscheiden, womit wir uns umgeben. Wir können uns einfach umdrehen und gehen. In den Himmel schauen. In der Erde wühlen. Unseren Garten pflegen. Der alten Nachbarin helfen oder Zeit mit Freunden verbringen. Es ist schon viel gewonnen, wenn nur einer aufsteht und „Nein“ sagt (Brecht). Jeder kann die Welt verändern. Jeder ist ein Instrument. Die herrliche Musik ist da. Wir müssen sie nur wieder zum Leben erwecken.
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Maria Schneider, 19.01.2026
Ende März und Anfang April 2025 wurden meine beiden Bücher
„Die Friedensuntüchtigen“ und „Im Taumel des Niedergangs“ veröffentlicht.
Rezension zu diesem Buch: https://www.manova.news/artikel/abwarts
Rezension zu diesem Buch: https://wassersaege.com/blogbeitraege/buchrezension-die-friedensuntuechtigen-von-uwe-froschauer/