Gastbeitrag von Christian Hamann
Aus westlicher Sicht ist der Iran nur eines von über 50 islamischen Ländern. Doch schon lange vor Christi Geburt, als Araber und Türken noch als nomadische Stämme durch die Steppen zogen, hatte sich in Persien, dem heutigen Iran, eine Hochkultur entwickelt. Diese Kultur ist im frühen Mittelalter zwar militärisch vom Islam überrannt worden, aber sie besteht bis heute in der Sprache und den Wertvorstellungen der iranischen Nation fort.
Im historischen Bewusstsein der Araber und Türken ist dieser kulturelle Kontrast präsent. Dies machen die Worte des damaligen Vorsitzenden der Arabischen Liga Azzam Pasha deutlich, die im September 1947 bei (gescheiterten) Verhandlungen um eine Lösung für Palästina fielen, „We were able to drive out the Crusaders, but on the other hand we lost Spain and Persia.“ – „Wir waren in der Lage, die Kreuzritter zu vertreiben, aber andererseits haben wir Spanien und Persien verloren.“ https://israeled.org//resources/documents/abdulrahman-azzam-pasha-rejects-compromise-zionists
Neben dem bis in die 1970er Jahre überwiegend christlichen Libanon war der Iran schon im frühen 20. Jahrhundert eines der wenigen fortschrittlichen, für westliche Ideen aufgeschlossenen Länder des Orients. 1951 wurden die ersten wirklich demokratischen Wahlen abgehalten – und die letzten. Denn schon 1953 stürzten die CIA und der britische MI6 den gewählten Präsidenten Mozadegh. Diese skandalöse Aktion gegen die Interessen der demokratischen Nationen war maßgeblich einem gierigen Anspruch ultrareicher Personen unterstellt, nämlich den Herren der im Iran tätigen britischen Ölkonzerne. Der liberale Mozadegh hatte sich zu ihrem Rivalen gemacht, indem er diese Ressorcen unter staatliche Kontrolle stellte, um der Nation einen fairen Anteil an den Einnahmen zu sichern.
An seiner Stelle wurde der Schah Reza Pahlevi zum autokratischen Herrscher erhoben. Dieser durchaus fähige Mann ebnete jedoch mit seiner Prunksucht, seiner CIA-geschulten Geheimpolizei und mit seinem übertriebenen Verwestlichungstempo den Weg für eine fatale Gegenströmung. Diese wurde von dem notorischen Islamisten Ayatollah Khomeini von seinem Exil in Frankreich ausgeführt. Khomeinis Machtergreifung im Februar 1979 wäre jedoch niemals ohne massive Hilfe aus dem Westen möglich gewesen.
Eine davon lieferte der naive Präsident Jimmy Carter, der dem US-Geheimdienst grünes Licht gab, das iranische Militär zum Stillhalten bei einem Regierungswechsel zu veranlassen. Diese 500.000 Mann starke, westlich ausgebildete und modernstens bewaffnete Truppe hätte andernfalls die Ablösung des Schahs durch Khomeini verhindern können. Noch entscheidender für die Einrichtung der Ayatollahdiktaur war jedoch eine dritte westliche Kraft, nämlich der britische Sender BBC. Dieser verschaffte Khomeini mit großem Aufwand (und internen Repressalien) exklusive Möglichkeiten der Propaganda in persicher Sprache. Dadurch gelang es dem Extremisten, den Menschen das trügerische Bild einer freiheitlichen islamischen Republik vorzugaukeln. https://www.nation.com.pk/11-Feb-2019/iranian-revolution-at-40-britains-secret-support-for-khomeini-revealed?version=amp
Für die Nationen des Westens ist es überlebenswichtig, diese im Iran bekannte Vorgeschichte sowie andere von Mainstream-Medien verborgen gehaltene Fakten nachholend ins historische Bewusstsein aufzunehmen. Denn andernfalls werden sie im Konflikt zwischen den iranischen Despoten einerseits und den USA und Israel andererseits in eine Falle geraten.
Das Funktionieren der Falle wurde schon längst ausgetestet, was ‚natürlich‘ ebenfalls außerhalb des Bewusstseins der Bürger geblieben ist. Schauplätze der Testreihe waren rund ein Dutzend Länder des ‚Arabischen Frühlings‘. Ende 2010/ Anfang 2011 fanden dort umfangreiche demokratisch motivierte Protestkundgebungen gegen die autokratischen Regime statt. Die Übereinstimmung mit der jetzigen Lage im Iran bestand darin, dass die Protestmärsche teilweise blutig aufgelöst wurden. Im ‚Arabischen Frühling‘ folgten auf diese Eskalation hin definitive Revolutionen, die mehrere der alten Regime hinwegfegten.
Doch was nach den Revolutionen in diesen Ländern passiert ist und bis heute passiert, gibt Anlass zu allerhöchster Wachsamkeit in Hinblick auf den Iran. Generell fand parallel in allen Ländern des Arabischen Frühlings eine offenbar bestens vorbereitete und reichlich finanzierte Überwucherung der ursprünglich auf Demokratie und individuelle Freiheit abzielenden Bewegungen durch islamistische statt.
Alarmierender Weise sind die Folgen für Freiheit und Rechtsstaatlickeit bis heute insbesondere dort verheerend, wo westliches Militär eingriff. Namentlich die Vorgänge in Libyen zeigen als abschreckendes Beispiel die möglichen Gefahren für den Fall einer Intervention im Iran. Denn auch in Libyen bestand das hauptsächliche Anliegen der damaligen US-Regierung darin, die Zivilbevölkerung gegen gewaltsame Übergriffe der Regierung schützen zu wollen.
Doch im scharfen Kontrast zum erfolgreichen minimalinvasiven Eingriff Trumps gegen die Madurodiktatur in Venezuela geriet der Libyeneinsatz gegen das Regime Gaddafis zu einer etwas variierten Wiederholung der desaströsen militärischen Interventionen in Vietnam, in Somalia, im Irak und in Afghanistan.
- Im Rahmen der angeblichen Befreiung hat sich die Zahl der zivilen Opfer etwa verzehnfacht https://www.theguardian.com/commentisfree/2014/may/22/coups-terror-nato-war-in-libya-west-intervention-boko-haram-nigeria
- Auch in Libyen unterblieb ein militärisch entscheidender Schlag mit anschließender Ordnungsstruktur. Daher befindet sich das Land bis heute in einem instabilen Zustand der politischen Teilung und des gelegentlich aufflammenden Bürgerkrieges.
- Wie zur Stabilisierung dieser Instabilität befindet sich Libyen weiterhin unter fremder Besatzung durch amerikanisches und türkisches Militär.
- Das psychologische Ambiente ist ungeeignet, die Bevölkerung an Wertvorstellungen der westlichen Zivilisation heranzuführen.
- Umfangreiche Waffenlieferungen an angeblich prowestliche Milizen haben in dem weithin korrupten Ambiente zu einer Proliferation amerikanischer Waffen über weite Teile Afrikas geführt.
Davon und von den unkontrolliert geplünderten Beständen des Gaddafi-Militärs haben namentlich Terroroganisationen wie Boko Haram (der Name bedeutet „Westliche Bildung ist verboten.“) profitiert. https://www.counterpunch.org/2014/05/15/from-benghazi-to-boko-haram/
- Nach einer Zwischenbilanz 2014 war amerikanisches Militär in 49 von den 54 Ländern Afrikas engagiert.
Die schon im Koreakrieg (1950-1953) geübteund in Vietnam gesteigerte Tendenz zur Verschleppung lässt auf den Einfluss von Kräften schließen, denen nicht an Lösungen gelegen ist, sondern an Dauerspannungen und Krieg. Das Profil der solcherart verfälschten US-Nachkriegspolitik bestand in einer faktischen Förderung islamistischer und anderer autokratischer Bewegungen, aber alles unter dem falschen Etikett der Demokratieverteidigung. Jimmy Carter war keineswegs ein Extremfall unter den nach Kennedy ausnahmslos mehr oder weniger naiven Präsidenten, die sich mangels eines Überblicks zu politischen Entscheidungen verleiten ließen, die der freiheitlichen Zivilisation großen Schaden eintrugen – dagegen der Rüstungsindustrie, dem Finanzsektor und den Ölmultis große Profite. Allein ein Beispielfall kostete etwa eine Billion Dollar (one trillion dollars) und obendrein das weltweite Ansehen der USA: Nach nur zwei Monaten Afghanistankrieg war die Führung der Taliban im Dezember 2001 zur Kapitulation und Niederlegung der Waffen bereit. Die Regierung George W. Bush lehnte ab. https://www.commondreams.views/2021/08/18/taliban-surrendered-2001 Der Krieg endete 2021 nach 20 Jahren mit einem schmachvollen Rückzug.
Ohne umsichtiges Lernen aus diesen Fehlern verspricht ein möglicher Zusammenprall im Iran zu einer Steigerung dieser Katastrophen zu geraten. Aufgrund ihres im Vergleich zum Iran winzigen, extrem verwundbaren Staatsterritoriums hat die israelische Führung für den Fall eines Nuklearangriffs einen vollautomatischen atomaren Gegenschlag geschaltet. Nachdem Iran selbst über keine Nuklearwaffen verfügt, könnte eine beliebige unter den Atommächten in Israel eine atomare Explosion verursachen und damit die iranische Zivilbevölkerung automatisch einem Inferno aussetzen.
Es gibt jedoch außer dem jetzt im Westen einsetzenden Lernprozess weitere Gunstumstände, die für eine Wendung zum Guten sprechen. Einen Gunstfaktor bildet die iranische Nation. Deren Erfahrungen in 47 Jahren Ayatollahdiktatur haben ein Bewusstsein tiefer Enttäuschung hinterlassen. Die Menschen haben, salopp gesagt, die Schnauze voll von der politisch-ideologischen Seite des Islam, der in allen Angelegenheiten des Staates und der persönlichen Lebensführung einen dominierenden Einfluss auszuüben trachtet.
Mit anderen Worten, die Mehrheit der Iraner ist absolut immun gegenüber den polarisierenden Einflüssen der Islamisten, denen die Bürger in den Ländern des Arabischen Frühlings reihenweise erlegen waren.
Es liegt im Überlebensinteresse der iranischen und ebenso der israelischen Nation, sich nicht in die Falle eines Krieges provozieren zu lassen. Eine minimal invasive Befreiung von außen in Anlehnung an die von der Maduro-Diktatur würde diesem Anliegen und auch der demokratischen Selbstbestimmung sowie einem korrekt reformierten Völkerrecht entsprechen. https://www.frieden-freiheit-fairness.com/en/blog/maduros-overthrow-crossroads-world-politics-short-version. Solange das Ayatollah-Regime fortbesteht, ist mit fortgesetzten Provokationen zu rechnen, welche eine Entscheidung zwischen Krieg und minimalinvasivem Eingriff unter internationaler Abstimmung unausweichlich machen.
In Vorbereitung auf einen solchen möglichen Eingriff ist besonders zu bedenken:
- Die automatische Schaltung Israels auf einen atomaren Gegenschlag bedarf einer die iranische Zivilibevölkerung verschonenden Modifikation.
- Die BBC-Propaganda im Vorfeld der Revolution von 1979 und die damalige Neutralschaltung des iranischen Militärs zeigen, dass es intelligente Alternativen zu einer blutigen Hau-drauf-Politik gibt – wenn der Wille dazu besteht.
Der korrekte Wille muss allerdings auch auf der Führungsebene im amerikanischen Militär und Geheimdienst sichergestellt werden. Leider sprechen 80 Jahre verfehlter US-Militäroperationen für einen fundamentalen Säuberungsbedarf im gesamten Sicherheitsapparat. Dieser Befund wird durch die rechtswidrige Verfolgung Julian Assanges von 2010 bis 2025 dick unterstrichen. https://www.republik.ch/2020/01/31/nils-melzer-spricht-ueber-wikileaks-gruender-julian-assange
- Das geographische Umfeld des Iran quillt von angeblichen Freunden des Westens förmlich über. In Wahrheit sind das allesamt Freunde einer ‚westlichen‘ Politik, die die Interessen ihrer eigenen Nationen schon lange den Interessen der Konzernoligopole und des Finanzestablishments unterordnet. Worauf diese Politik hinausläuft, machen die Worte des türkischen Präsidenten Erdogan auf einer Islamkonferenz im November 2024 deutlich:
„…as Western civilization collapses with a great clamor, … our civilization of divine and humane love, with our essence and our spirit, will flourish, and it will rear up even more strongly,…“ – …während die westliche Zivilisation mit großem Getöse zusammenbricht, wird unsere Zivilisation der göttlichen und menschlichen Liebe mit unserem Wesen und unserem Geist blühen und erneut gestärkt aufsteigen. https://www.memri.org/tv/turkish-president-erdogan-western-civilization-will-collapse-we-will-flourish
Während die Türken ihre authentische Solidarität korrekter Weise im Zusammenschluss mit den turksprachigen Ländern Innerasiens suchen, https://www.eurasiareview.com/13112024-orban-joined-erdogan-and-other-central-asian-presidents-to-receive-supreme-order-of-the-turkic-world-understanding-the-backdrop-of-this-summit-oped/ deutet die Politik gegenüber dem arabischen Raum tendenziell auf eine imperiale Wiederbelebung des Osmanischen Reiches. Eigentlich hätte das spätestens seit der Ablösung Assads durch türkeinahe Rebellen allgemein klar sein müssen. Tatsächlich haben sich nur wenige zu solchen Ambitionen geäußert, darunter Donald Trump.
Ende März und Anfang April 2025 wurden meine beiden Bücher
„Die Friedensuntüchtigen“ und „Im Taumel des Niedergangs“ veröffentlicht.
Rezension zu diesem Buch: https://www.manova.news/artikel/abwarts
Rezension zu diesem Buch: https://wassersaege.com/blogbeitraege/buchrezension-die-friedensuntuechtigen-von-uwe-froschauer/
Ende September 2024 erschien das Buch „Gefährliche Nullen – Kriegstreiber und Elitenvertreter“.
Hier der Link zur Rezension des Buches:
https://www.manova.news/artikel/die-nieten-festnageln